Aus der Praxis: Dynamic Facilitation in der Anwendung

(Aus Gründen der Verschwiegenheit wird hier abstrakt von einem Dynamic Facilitation Workshop berichtet.) Drei Stunden Workshop sind angesetzt. Drei Abteilungen sind eingeladen mit dem Auftrag, sich zu einigen. Die Stimmung im Vorfeld ist von Unmut, Unklarheit und Emotionen geprägt. Schon bei der Auftragsklärung stellt sich die Frage: „Was ist hier eigentlich die Frage, die mit dem Workshop beantwortet werden soll?“ Es will mir trotz Gesprächen mit dem Auftraggeber nicht so richtig klar werden. Hier entsteht die Idee, mit der Moderationsmethode Dynamic Facilitation zu arbeiten.

Was spricht dafür:
– Das Problem, das zu lösen ist, ist komplex und emotional aufgeladen.
– Die Fragestellung wird vermutlich von den Teilnehmenden unterschiedlich formuliert.
– Das Thema lässt sich nicht so leicht eingrenzen.
– Das Problem ist allen Beteiligten ein Anliegen.

Was spricht dagegen?
– Die Beteiligten kennen die Methode nicht. Ich kann sie nicht vorher darauf vorbereiten. Sie könnten es nicht so lange aushalten, auf ihre Wortmeldung zu warten und meinen, dem (vermeintlichen) Zeitdruck nachgeben zu müssen.
– Die Beteiligten wollen lieber direkt verhandeln als zuhören und entstehen lassen.
– Der Zeitbedarf ist ganz schwer zu fassen.

Ich entschließe mich, Dynamic Facilitation anzuwenden… Der Beginn ist von freundlich-distanzierter Höflichkeit geprägt. Ich erkläre der Gruppe was mein Informationsstand ist, was ich verstanden habe und was nicht. Und ich informiere über einige Prinzipien von Dynamic Facilitation:

– Wir denken assoziativ und nicht sequenziell. Deshalb kann die Person, die gerade spricht, auch alle Assoziationen sagen. Sie wird einer der Kategorien auf den Pinnwänden

    – Fragen/Herausforderungen
    – Lösungen/Ideen
    – Befürchtungen/Bedenken
    – Informationen/Sichtweisen

zugeordnet und das Wesentliche wird möglichst wörtlich aufgeschrieben. Durch die Erlaubnis zu assoziieren entsteht langsam ein Puzzle-Bild, an dem die ganze Gruppe baut. Wir fangen irgendwo mal an und ein größeres Ganzes kann entstehen.

– Ich bin als Moderatorin „ganz Ohr“ und versuche genau nachzuvollziehen, was jedeR Teilnehmende sagen will. Es kann sein, dass das gerade am Anfang Geduld braucht, weil die Wortmeldungen viel länger dauern als gewohnt. Dafür haben jene, die gerade nicht dran sind, die Sicherheit, dass sie dann auch genau so viel Zeit und Aufmerksamkeit bekommen…

– Ich schütze als Moderatorin den Raum der Ideen jeder Person. Das bedeutet, dass Gegenmeinungen, Befürchtungen, Bedenken oder Emotionen nicht gegen die anderen Teilnehmenden, sondern an mich gerichtet werden – wie im Billard: die Kugel wird über die Bande gespielt…

Konsequent gehe ich der Frage nach: „… und was wäre da Ihre Lösung?“ „Welche Lösung hätten Sie zu dieser Frage?“ „Und wenn das Ihre Bedenken sind, was müssten wir dann Ihrer Meinung nach bei der Lösung berücksichtigen?“ Die erste Stunde ist für die Teilnehmerinnen schwer auszuhalten. Die Spannung liegt spürbar in der Luft. Als Moderatorin weiß ich, dass das jetzt die Nagelprobe ist: Schaffe ich den Raum zu halten? Jeder Person den Schutz der eigenen Ideen zu gewähren, dass sie ihre Ideen wirklich artikulieren kann? Jede Person, wie es in Dynamic Facilitation heißt zu „entleeren“, so dass kreativer Raum für Neues entsteht? Und gleichzeitig weiß ich auch: „Es ist alles für die Lösung da. Wir brauchen nur die Zeit es zu finden.“ Das ermutigt mich und lässt mich ganz ruhig werden. Nach einer guten Stunde brauchen wir eine Pause. Die Atmosphäre ist dicht, den Teilnehmenden schwirrt der Kopf – mittlerweile sind mindestens 15 Lösungsideen notiert. Nach der Pause droht der Prozess wieder schneller zu werden. Ich bitte um Geduld und erinnere an die Prinzipien…

Und langsam, ganz langsam beginnen die Teilnehmenden, sich auf die Ideen der VorrednerInnen zu beziehen: „Da bin ich ganz der Meinung von…“ „Das sehe ich wie…“ – In Dynamic Facilitation würde man jetzt von beginnender Konvergenz sprechen. Es wird ruhiger, die Blicke der Teilnehmenden klarer. Entspannung. Und plötzlich: Ideen für die nächsten Schritte, Umsetzungsideen – „so könnten wir es machen“, „so könnten wir es angehen…“ Das Tempo wird wieder schneller, aber jetzt in einer Art von freudiger Hoffnung. Ich lasse es schneller werden. Die Lösungsideen sprudeln heraus, werden miteinander kombiniert und ergänzt.

Und plötzlich: das Gesprächstempo wird wieder langsamer und dann: Stille. Der Moment lässt mich innerlich jubeln. Ich blicke auf die Uhr und kann es kaum glauben: wir haben noch 20 Minuten. Ich genieße den Moment der Stille und bitte dann, den Kreis zu schließen. Auf die Frage wo wir jetzt gelandet sind, sagt ein Teilnehmer: ich kann es kaum glauben, aber ich spüre jetzt so etwas wie „Gleichklang“. Und eine andere Person: jetzt ist es stimmig. Die Worte sind aus der Musik bekannt. Vielleicht könnte man es auch „Harmonie“ nennen? In Dynamic Facilitation ist es das, was „Einmütigkeit“ genannt wird.

Doch ich habe im Ohr, dass ich als Moderatorin darauf zu achten habe, dass die Konvergenz nicht zu schnell „herbeigeführt“ wird, dass ich darauf zu schauen habe, dass die Divergenzen Platz haben. Deshalb überprüfe ich nochmals Ecken und Kanten und lasse den momentanen Zwischenstand bzw. nächste Schritte aus der Perspektive der einzelnen zusammenfassen, damit es einen Anknüpfungspunkt für die weitere Arbeit haben. Für den Moment ist ein Stück Konvergenz entstanden. Und klar ist auch: Sie wird beim nächsten Mal wieder von Divergenz abgelöst. Und es ist noch nichts vereinbart. Aber der Prozessverlauf gibt Mut. Nach drei Stunden schließen wir den Workshop mit der Vereinbarung eines weiteren Termins und einer fertigen Agenda fürs nächste Mal. Punktlandung.

Hemma Spreitzhofer



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