ErLesenes: Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft

„Jedes Zeitalter hat seine Leitkrankheiten… Das 21. Jahrhundert ist, pathologisch gesehen, neuronal bestimmt“, so beginnt Han sein kleines, aber gewichtiges, philosophisches Büchlein.

Han legt den Paradigmenwechsel dar, von der Abwehr, von allem, das fremd ist (immunologisches Zeitalter) zum Verschwinden der Andersheit und Fremdheit: An die Stelle der Andersheit tritt die Differenz, die keine Immunabwehr hervorruft. Die Ablehnung erfolgt jetzt digestiv-neuronal: Erschöpfung, Ermüdung und Erstickung angesichts des Zuviel.

Foucaults Disziplinargesellschaft ist im 21. Jahrhundert einer Leistungsgesellschaft gewichen. „Selbstausbeutung ist effizienter als Fremdausbeutung, denn sie geht mit dem Gefühl der Freiheit einher… Krank macht in Wirklichkeit der Imperativ der Leistung als neues Gebot der spätmodernen Arbeitsgesellschaft“.
In insgesamt 7 kurzen Kapiteln werden Bezüge zu Jean Baudrillards (Das Ende des Sozialen), Alain Ehrenberg (Das erschöpfte Selbst), Hannah Arendt, Nietsche, Peter Handke hergestellt.

Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen mehr gegolten. Die kulturellen Leistungen der Gesellschaft, zu denen auch die Philosophie gehört, verdanken wir einer tiefen, kontemplativen Aufmerksamkeit. Den Verlust dieser Tugend beklagt Han zu Recht.

Fazit: kurz, dicht, aufrüttelnd, anspruchsvolle Sprache, nachvollziehbare Gedankengänge. Eine unbedingte Empfehlung für alle, die nach philosophischen Erklärungen für die aktuellen Entwicklungen der Arbeitsgesellschaft suchen. Passt in jede Handtasche.

Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz Berlin 2010. 61 Seiten



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