Selbstmanagement: „Reiß dich zusammen!“ oder „tu, was du willst“?

Hemma Spreitzhofer von KOMUNARIKO Organisationsberatung - Training - CoachingWenn ich schon sonst nichts in den Griff bekomme, mich selbst werde ich doch wohl noch beherrschen können… So könnte man das gängige Verständnis von Selbstmanagement polemisch zusammenfassen. In dieser Tradition bedeutet Selbstmanagement, sich noch besser in den Griff (würg!)zu bekommen, um den derzeitigen Anforderungen des eigenen Lebens gewachsen zu sein – kurz: um noch besser zu funktionieren. Selbstmanagement wird so zu einer weiteren Anforderung. Dieser in der Regel vernunftgesteuerte Vorsatz endet oft entweder mit schlechtem Gewissen, weil man seine eigenen Vorhaben „wieder einmal“ nicht umgesetzt hat. Oder im stumpfen, lustlosen Abarbeiten der selbst auferlegten Pflichten.

Selbststeuerung durch unser Erfahrungsgedächtnis

Warum das so ist, erklärt das so genannte Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®), das von Maja Storch und Frank Krause an Universität Zürich entwickelt wurde (vgl. Storch/Krause 2009), mit Erkenntnissen aus der Neurobiologie: Wir verfügen über mindestens zwei Arten von Gedächtnis: auf der einen Seite unseren bewussten Verstand und auf der anderen Seite das „emotionale Erfahrungsgedächtnis“ (vgl. Roth 2003: 373). Dieses verfügt über den reichen Erfahrungsschatz des gesamten Lebens, in dem jede Erfahrung als entweder „angenehm“ oder „unangenehm“ abgespeichert ist. Da die Informationsmenge riesig ist, kann sie nicht bewusst verarbeitet werden, sondern dies erfolgt auf unbewusster Ebene. Das Ergebnis der aktuellen Situationsbewertung „angenehm“, „unangenehm“ oder eine Mischung aus beidem können wir dann wir in Form eines so genannten „somatischen Markers“ (vgl. Damasio 1995) wahrnehmen, was manche nicht ganz zutreffend als „Bauchgefühl“ bezeichnen. Somatische Marker können überall im Körper lokalisiert sein: der Kloß im Hals, ein spontanes Grinsen, schnellerer Herzschlag etc.).  Der bewusste Verstand hingegen verwendet für die Situationsbewertung ganz andere Kategorien, nämlich „richtig“ oder „falsch“ auf Basis von Argumenten, Zahlen, Daten und Fakten. Diese Erkenntnis ist folgenreich: denn sie erklärt das Phänomen, dass wir manchmal einerseits wissen was vernünftig ist (eine Cremeschnitte nicht essen), aber dennoch das Angenehme tun (eine Cremeschnitte essen), andererseits vernünftige Dinge nicht tun, weil sie unangenehm sind (eine schmerzhafte Untersuchung machen lassen). Sie bedeutet aber auch, dass wir für eine nachhaltige Verhaltensänderung beide Arten von Gedächtnis miteinander synchronisieren müssen, denn: in Stress- und Drucksituationen funktioniert unser bewusster Verstand nur mäßig gut und das emotionale Erfahrungsgedächtnis übernimmt die Handlungssteuerung. Das bedeutet konkret, dass wir in entscheidenden Situationen (Druck, Stress, Anspannung) unseren bewussten Verstand nicht (ausreichend) zur Verfügung haben. – Die studierte Philosophin muss nun zähneknirschend anerkennen, dass Selbstmanagement nur mit dem bewussten Verstand nicht funktioniert…

Bewusstes und Unbewusstes synchronisieren

Mit dem Zürcher Ressourcen Modell verfügen wir nun über eine Systematik zum Thema Selbstmanagement, die es ermöglicht den bewussten Verstand mit dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis zu synchronisieren. Dazu ist es nötig, einen Zugang zu unseren unbewussten Bedürfnissen zu bekommen, die im emotionalen Erfahrungsgedächtnis gespeichert sind. Wir verwenden dazu unter anderem ressourcenhafte Bilder. Denn zu Bildern haben wir einerseits einen emotionalen Zugang – sie sprechen an, lösen spontane Gefühle aus – andererseits können wir Bilder mit Worten beschreiben: die Qualitäten, Farben, Formen des Bildes. Sie stellen daher eine zentrale Brücke zwischen dem bewussten Verstand und dem unbewussten emotionalen Erfahrungsgedächtnis dar. Auf dieser Basis erarbeitet der Klient, die Klientin ein persönliches Motto-Ziel. Dieser von Maja Storch entwickelte neue Zieltypus (vgl. Storch 2009) ist auf der Haltungsebene angesiedelt. Das heißt, ein Motto-Ziel beschreibt kein konkret messbares Ergebnis wie ein SMART-Ziel (z.B. Lächle jeden eintretenden Kunden an), sondern drückt eher eine gewünschte Haltung aus, die sowohl vom Verstand als „richtig“, als auch vom emotionalen Erfahrungsgedächtnis als „angenehm“ bewertet wird (z.B. „ Ich lasse meine Sonne erblühen“). Solche Sätze muten zunächst vielleicht „kitschig“ an. Genau das wäre aber eine Verstandesbewertung. Zentral ist aber die emotionale Bewertung durch den Klienten/die Klientin. Denn mit Motto-Zielen gewinnt man keinen „Ingeborg-Bachmann-Preis“, sondern sie sind ausschließlich individuelle, stark positiv besetzte Sätze, die die eigene zielnährende Haltung beschreiben. So gelingt es  leichter, die Motivation für alternative Handlungsimpulse nachhaltig zu erreichen. Bewusster Verstand und emotionales Erfahrungsgedächtnis sind synchronisiert auf ein Ziel hin. Erst dann arbeitet man an der Vorbereitung auf konkrete schwierige Situationen im Alltag, die auf dem Weg zum Ziel auftauchen können und werden.

Zeit für ein Beispiel: Gelassen und mit Überblick bei KundInnen

Eine Kundenbetreuerin hat Schwierigkeiten, in der Fülle der verschiedenen Kundenprojekte den Überblick zu bewahren. Zudem fällt es ihr schwer, mit Klarheit und Gelassenheit gegenüber „schwierigen“ KundInnen aufzutreten und Grenzen zu setzen.

In der anschließenden Bildauswahl entscheidet sie sich für ein Buddha-Bild und einen Adler im Flug durch hellblauen Himmel

Nach einigen Formulierungs-Schritten sind schließlich plötzlich ein tiefer Atemzug und ein spontanes Lächeln auf dem Gesicht der Klientin wahrzunehmen. Die eindeutig positiven somatischen Marker zeigen, dass das Motto-Ziel jetzt stimmig ist:

Motto: Durch Ruhe und Balance bin ich klar und fokussiert.  Ich hab’s geschafft!

Erst jetzt gehen wir in die konkrete Planung ihres Alltags. Wir finden Erinnerungshilfen, die die Stärkung des neuronalen Netzes im Gehirn für das gewünschte Verhalten zum Ziel haben. Sie erinnern die Klientin im Alltag bewusst und unbewusst an das eigene Motto-Ziel. Diese Erinnerungshilfen, haben nichts mit Magie zu tun, sondern setzen die Erkenntnisse aus der Primingforschung praktisch um: Priming bedeutet, dass das neuronale Netz (in diesem Fall für das eigene Ziel) mit Hilfe von Gegenständen, Farben, Tönen etc. bewusst und unbewusst aktiviert werden kann – je öfter desto besser. In diesem Fall wählte die Klientin z.B. eine hellblaue Kaffeetasse, den Blick aus dem Fenster, einen hellblauen Kugelschreiber und die beiden Bilder als abwechselnden Bildschirmhintergrund. Die Erinnerungshilfen aktivieren damit im Alltag das neuronale Ziel-Netz der Klientin.

Auf Basis dieser Ressourcen plante die Klientin vorhergesehen schwierige Situationen und wie sie ihre Ressourcen in diesen einsetzen kann. Im Unterschied zu anderen Ansätzen nahm sich die Klientin kein konkretes Verhalten vor. Stattdessen plante sie den Einsatz ihrer Ressourcen, die ihr erlaubten, in einer konkreten schwierigen Situation souverän und gelassen zu handeln. Dies hat zwei entscheidende Vorteile: Das dann daraus entstehende Verhalten wirkt „authentisch“ und nicht aufgesetzt (ein zentraler und aus meiner Sicht auch teilweise berechtigter Einwand gegenüber bloßen Verhaltenstrainings). Und die Person erlebt das eigene Verhalten als zum eigenen Selbst gehörig und nicht von außen vorgeschrieben – eine zentrale Komponente des Selbstwirksamkeitserlebens.

Mit dieser Motivation arbeiteten wir in den folgenden Coachingsitzungen an konkreten schwierigen Situationen: wie es gelungen war, sie zu meistern und wie das konkrete Verhalten noch optimiert werden könnte. Erst in diesem Stadium machte die konkrete Verhaltensplanung Sinn: Arbeit an konkreten Gesprächssituationen mit KundInnen, Projekt- und Zeitmanagementtools, die das Leben erleichterten etc.Im Bild gesprochen: erst zu diesem Zeitpunkt, war der Boden so gut aufbereitet (Bild, Motto, eigene Haltung), dass er die vielen Samenkörner (Tipps, Tricks zum Verhalten) aufnehmen konnte.

Mit dem Zürcher Ressourcen Modell lernen Menschen daher nicht, sich noch mehr „zusammenzureißen“, sondern ihre bewussten und unbewussten Ressourcen für die eigene Zielrealisierung einzusetzen. Und das darf leicht und lustvoll sein… – „tu, was du willst“ eben.

Hemma Spreitzhofer

 

ZRM-Trainings und Coachings

Das Zürcher Ressourcen Modell kann in einem Training oder im Einzelcoaching erlernt werden. Hier ein Überblick über die jeweiligen Vor- und Nachteile.

ZRM-Training ZRM-Einzelcoaching
Vorteile
  • andere Teilnehmende werden als Sozial-Ressource wahrgenommen+ intensivere Auseinandersetzung mit dem eigenen Thema über einen längeren Zeitraum (2-3 Tage) vertieft das eigene Anliegen
  • geschützter Raum der Gruppe wird als stärkend erlebt
  • individuelle Gestaltung des Tempos
  • starke Berücksichtigung der Bedürfnisse des Klienten/der Klientin
  • mehr gezielte Unterstützung bei der Formulierung des Motto-Ziels möglich
  • rascheres Vorgehen oft möglich
  • Kombination mit anderen verhaltensorientierten Methoden im Verlauf des Prozesses individuell steuerbar
Nachteile
  • Erfordert mehr selbstständiges Arbeiten-   Weniger Möglichkeiten, auf die Bedürfnisse der Einzelnen einzugehen
  • Braucht mehr Zeit
  • Ressourcen beschränkt auf KlientIn und Coach-     Keine Bestärkung durch die Gruppe möglich

 

Einzelcoachings mit ZRM-Methoden bei KOMUNARIKO:

Dr. Danielle Bidasio
Gabi Hanika (auch in Kombination mit Körperarbeit):
+43 69919564770 oder gabriele.hanika@chello.at
Judith Kölblinger, MSc.
Paul Mörwald
Mag.a Hemma Spreitzhofer, MSc.

 

Literatur:
Damasio
, Antonio (1995): Descartes’ Irrtum. München u.a.: List.

Roth, Gerhard (2003): Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gefühl unser Verhalten steuert. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Storch, Maja (2009): Motto-Ziele, S.M.A.R.T.-Ziele und Motivation. Online im Internet unter www.zrm.ch/images/stories/download/pdf/publikationen/
publikation_storch_200910.pdf
(5.2.2010).

Storch, Maja/Krause, Frank (2009): Selbstmanagement – ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell. Bern: Huber.



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